Lernen in der Häuslichkeit: Dozentin Ulrike Gatz

Angebot

Im Lernort Häuslichkeit werden die lernenden Senior:innen bei sich zuhause besucht und dort die Lerninhalte über das Smartphone und smarte Technik anhand der Interessen der Teilnehmer:innen vermittelt.
Das Angebot richtet sich besonders an ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind und dadurch wahrscheinlich nicht an einem Kurs teilnehmen können. Da der Unterricht 1:1 stattfindet, kann sehr stark auf die individuellen Bedürfnisse und Fragestellungen der Teilnehmer:innen eingegangen werden. Der Umfang beträgt 10 Unterrichtseinheiten, was in diesem Fall fünf 1,5-stündige Besuche bedeuteten.

Altersstruktur der Teilnehmenden

Alle Teilnehmer:innen in der Häuslichkeit sind über 80 Jahre alt. Das genaue Alter der Teilnehmer:innen war wie folgt: einmal 80, zweimal 82, einmal 84 und einmal 86. Die individuelle körperliche Mobilität als auch die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit variierte. Allen gemein war ein großes Interesse am Lernen am Smartphone und an digitaler Teilhabe. Von den 5 Teilnehmer:innen hatten alle ein sehr großes Interesse und Bestreben nach Wissenszuwachs in den selbstgewählten Themen. Alle bekundeten, dass die Themen herausfordernd waren und genauso konnten auch alle persönliche Erfolgserlebnisse für sich erleben. “Das muss ich dann nochmal alleine in Ruhe üben.” war ein oft geäußerter Satz und die Senior:innen kamen dann oft beim nächsten Besuch auf ihre Erfolge und Schwierigkeiten zu sprechen, die wir dann gemeinsam bearbeiten konnten

Technische Gegebenheiten

Die meisten der Teilnehmenden haben WLAN zuhause. Durch die Dozent:in werden Vorführgeräte zur Verfügung gestellt, die Teilnehmenden lernen aber vorrangig mit den eigenen Geräten. Auch haben viele einen Drucker zuhause. Durch Familienmitglieder, meist Enkel:innen oder Kinder der Senior:innen, waren die Geräte gut eingerichtet und miteinander verknüpft, sodass die Technik für die Senior:innen anwendungsbereit ist.
In der Häuslichkeit wurden Geräte von Apple als auch von Android behandelt.

Ermittlung des Wissensstandes

In der Häuslichkeit erfolgt eine Abfrage über die bisherige Nutzung der smarten Geräte und ihre individuellen Lernziele. Konkret wird festgestellt, welche Funktionen des Smartphones die Teilnehmenden schon nutzen und welche Funktionen in Zukunft genutzt werden wollen. Daraus leiten sich die Lernziele und Erwartungen der Teilnehmenden entsprechend ab.
Beispielsweise wollte eine Teilnehmerin hauptsächlich WhatsApp, E-Mails und die Google-Suche lernen, anzuwenden. Da ihr die Bedienung haptisch und auch logisch schon sehr schwer fiel, haben wir uns genau darauf konzentriert und dies auch oft wiederholt, um den Merkwert und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken.
Andere Senior:innen, die sich mit dem Gerät schon sicherer fühlten, sammelten ihre Themen im Alltag und gingen diese dann mit mir durch. Eine tiefgehende und sehr ausführliche Ermittlung des Wissensstandes hätte hier wertvolle Zeit geraubt, die in anderthalbstündigen Besuchen begrenzt ist. Vielmehr sieht man als Dozentin alleine durch die Bedienung des Gerätes schon, wie firm oder sicher die Senior:innen schon im Umgang sind. Traut sich eine Teilnehmerin, zum Beispiel selbstständig angezeigte Felder anzutippen oder braucht sie Ermutigung und klare Anweisungen für jeden Schritt: “Jetzt tippen Sie mal auf den Pfeil unten rechts.” „Ach, das soll ein Pfeil sein?”. Lange Erhebungen sind durch diese Art der Beobachtungen nicht nötig oder sinnvoll. Ein kurzes Gespräch über Lernziele am Anfang und die gemeinsame Praxis reichen meistens vollkommen aus.

Erwartungen

Gerade in der Häuslichkeit können die Lerneinheiten zu einer 1:1 Betreuung werden und intensiv auf individuelle Fragestellungen eingegangen werden.
Teil der Erwartung ist gelegentlich, dass lange ungelöste technische Probleme in den Lerneinheiten behoben werden und man zum unfreiwilligen Techniksupport (für alles) wird, weshalb man als Dozent:in hier sehr auf die vermittelnden und selbstermächtigenden Aspekte der Tätigkeit achten muss. Beispielsweise sollte man den Einstellungsbereich im Menü zeigen, statt einfach für die Senior:innen das Bildschirm-Timeout hochzustellen. Ebenso kann man die Senior:innen ermuntern, doch mal auf die Nachricht zu tippen, die anzeigt, dass das Gerät Softwareupdates machen möchte – und erklären, worum es sich dabei handelt und was es zu beachten gibt. Eine Geste, die ich immer wieder erlebt habe, ist, dass versucht wird, mir das Gerät in die Hand zu geben, verbunden mit einer Frage oder einem Problem – hier habe ich das Gerät zurückgegeben und die Teilnehmer:innen angeleitet, wie sie selbst zur Lösung kommen.
Oftmals erhoffen sich die Senior:innen schnelle Standardlösungen, die es aber meistens nicht gibt. Hier hilft es, zu ermutigen, selbst mitzudenken und Instrumente an die Hand zu geben, sich Inhalte selbst zu erschließen. Zum Beispiel, wenn das Handy Meldungen zeigt, die nicht auf Anhieb verstanden werden, diese in Ruhe zu lesen und die unbekannten Worte zu googlen oder einen Screenshot zu machen, um andere dazu befragen zu können.
Neben dem 1:1 Betreuungsaspekt kann die Dozent:in, wenn das nach der Ermittlung des Wissensstandes angemessen erscheint, grundlegende Inhalte, wie z.B. den Aufbau des Smartphones, ähnlich einer Standardunterrichtseinheit, wie es sie in Kursen bei einem etablierten Träger in der Erwachsenenbildung bereits gibt, vermitteln.

IT näher bringen

Die Besuche tragen stark zum Abbau von Ängsten, Unsicherheiten und ähnlichen Befindlichkeiten bei, da die Senior:innen begleitet eher den Mut finden, Neues an den eigenen Geräten auszuprobieren. Auf individuelle Ängste und Bedenken kann konkret eingegangen werden.
In den Besuchen konnte man anhand der individuellen Lernziele und Interessen gut abschätzen, welche smarte Technik für die jeweilige Teilnehmer:in wohl geeignet wäre. Positives Feedback erzeugte am häufigsten ein Bluetooth-Lautsprecher, der sowohl bezüglich Lautstärke und Klangqualität überzeugen konnte. Aber auch der Google Assistent kam nutzbringend zum Einsatz, vor allem, wenn die betreffende Teilnehmer:in bereits Probleme mit dem Tippen auf dem Smartphone hatte.
Hier habe ich durch die Gespräche mit den Teilnehmer:innen Vorschläge für smarte Technik gemacht, wenn ein möglicher Nutzwert für sie offensichtlich wurde. Wer also bei YouTube Begeisterung für schöne Musik zeigte, bekam den Lautsprecher angeboten. Fitnessbegeisterten könnte man eine Smart Watch zeigten, nicht allerdings, wenn sie bereits beim Smartphone große Probleme haben, die Zeichen und Schrift zu erkennen. Besonders sparsame Senior:innen könnten sich für eine smarte Steckdose interessieren. Auch hier ist immer zu beachten, wie einfach und niederschwellig die Technik für die Senior:innen anzuwenden ist. Bestimmte Geräte sind vielleicht im Alltag gut anzuwenden, wie die smarte Glühbirne, bräuchten aber definitiv Hilfestellung bei der Einrichtung bis sie anwendungsbereit sind. Alles, was zu kompliziert ist, schreckt meiner Erfahrung nach die Teilnehmer:innen ab, weshalb es sehr wichtig ist, hier nach tatsächlicher Offenheit, Interessenlage und Nutzwert zu entscheiden, an welche Geräte und Funktionen man die jeweilige Person behutsam heranführt.

Inhalte

Die Inhalte hängen sehr stark vom Interesse und dem bisherigen Kenntnisstand der Senior:Innen ab und können daher nicht verallgemeinert werden. Bestimmten Teilnehmer:innen fällt die Bedienung möglicherweise sehr schwer, weshalb dann eher Grundlagen geübt und stetig wiederholt werden. Andere hingegen sind verhältnismäßig fit und haben vielleicht sogar schon einen Kurs besucht, wodurch eine große Bandbreite an verschiedenen Themen behandelt werden kann.
Themen, die behandelt wurden, waren:
• E-Mails
• WhatsApp
• Löschen von allerlei Inhalten wie Fotos, einzelne Nachrichten und vergangene Suchanfragen
• Google Maps
• Googlen und das Benutzen des Internetbrowsers
• Begriffsklärungen
• Speicherplatz und Akkuentlastung
• Updates

Smarte Technik im Einsatz

Smarte Technik wird in der Altersgruppe über 80 teilweise sehr skeptisch betrachtet. Daher bietet es sich an, naheliegende Technik zu zeigen, die einen leicht erkennbaren Nutzwert für die individuellen Bedürfnisse hat.
Der Google Assistent kann sehr attraktiv sein, wenn es schon Probleme gibt, Suchanfragen über die Tastatur einzutippen. Mehrere musikbegeisterte Teilnehmer:innen waren offen, sich eine Bluetooth-Lautsprecherbox vorführen zu lassen. Mit einem ausreichend hohen Mehrwert ist es leichter, Neugier und Offenheit im Umgang mit smarter Technik hervorzurufen. Andere Technik, wie z.B. eine Smart Watch riefen u.a. offene Ablehnung hervor, teilweise wegen eines als mangelhaft empfundenen Tragekomforts (schwer) und vor allem wegen des sehr kleinen Displays, das dann nicht gut zu erkennen und kompliziert zu bedienen ist.
Je nach allgemeiner Kompetenz und möglichen körperlichen Einschränkungen variierten Ablehnung und Zustimmung gegenüber der smarten Technik.
Der Nutzwert wird vor allem deutlich, wenn man sieht, welche smarte Technik Senior:innen selbst schon zuhause verwenden, sei es die App zur Einstellung der Hörgeräte oder die App zur Steuerung des häuslichen Staubsaugerroboters.

Abschlussgespräche

Am Ende der Besuche, bietet es sich an, eine Zusammenfassung der behandelten Themen vorzunehmen und zu wiederholen, was gelernt wurde. Am Ende und auch während der Besuchszeit sollten die Teilnehmer:innen ermutigt werden, eigene Aufzeichnungen anzulegen, die sich direkt auf ihr eigenes Gerät beziehen, um so den Merkwert zu erhöhen und selbstständiges Üben zu erleichtern. Viele Senior:innen haben lange nicht aktiv Neues gelernt, weshalb das Anfertigen von eigenen Notizen nicht ganz selbstverständlich ist, aber den Lernprozess immens unterstützt.
In Ausnahmefällen habe ich eine Zusammenfassung für die Teilnehmer:in angefertigt, um eine strukturierte individuelle (heißt: auf genau ihr Smartphone bezogene) Quelle zur Verfügung zu haben, die ich auch mit ihr durchging. Dies war vor allem möglich, da hier nur wenige und bestimmte Funktionen von besonderem Interesse waren. Je nach Themenvielfalt würde so etwas in der Regel den Rahmen sprengen, abgesehen davon, dass man sich als Dozent:in schlecht den Aufbau der Smartphones aller Teilnehmer:innen merken kann, um dies zu hause aufzubereiten.
Auch gehörte eine Bewertung des Angebots zum Abschlussgespräch. Alle Teilnehmer:innen zeigten sich dankbar und froh über diese besondere Möglichkeit, ganz individuell und in ihrer vertrauten Umgebung zu lernen.

Weitere Hinweise

Was in den Kursen mit einer Gruppe und verschiedenen Geräten ein Problem ist, ist in den Hausbesuchen keines: Die verschiedenen Betriebssysteme Android und IOS können hier nicht zur Verwirrung führen, da sich die Senior:innen ausschließlich mit dem eigenen Gerät befassen. Es erfordert nur eine entsprechende Flexibilität der Lehrkraft und eine entsprechende Einarbeitung bzw. Vorbereitung.
Eine besondere Herausforderung kann es darstellen, eine Struktur in die Anliegen der Senior:innen zu bringen, da diese vielfältig und zahlreich sein können und die Teilnehmer:innen es natürlich nicht gewohnt sind, in ihrem eigenen Zuhause Anleitungen zu folgen.
Von technischen und inhaltlichen Aspekten abgesehen, ist es sehr wahrscheinlich, dass gastfreundschaftliche Gesten wie Kaffee, oft auch Kuchen oder Süßigkeiten, angeboten werden. Hier ist das Verhalten teilweise wie man es vielleicht von älteren Familienmitgliedern kennt und eine Ablehnung wird nicht durchweg positiv aufgenommen. Hier ist etwas Diplomatie gefragt, denn das angebotene Essen zu konsumieren und gleichzeitig laut genug technische Erklärungen zu bieten, stellt eine kleine Herausforderung dar („Mit vollem Mund spricht man nicht.“).
Bei aller häuslicher Gemütlichkeit kann es manchmal etwas Aufwand bedeuten, die Aufmerksamkeit wieder auf die smarte Technik und ihre Anwendung zu lenken. Hier muss die Dozent:in eine Balance finden, die sich je nach Teilnehmer:in auch unterscheidet, denn kleine Pausen können durchaus hilfreich sein, um wieder für die nächste Information aufnahmefähig zu werden. Auch kann man die kleinen Exkurse in die Biografie und das soziale Umfeld der Teilnehmer:innen auch nutzen, um behutsam wieder auf die smarte Technik zurückzuführen.

Evaluation in der Praxis

Alle Kriterien wurden in der Häuslichkeit als sehr gut bewertet, außer einer Stimme, die sich den technischen Geräten nicht ganz gewachsen fühlte. Das ist aber mehr eine Selbstaussage – die Qualität des Angebots wurde durchgehend als sehr gut bewertet.
Natürlicherweise waren die Themen für die Senior:innen passend gewählt: Sie hatten durch die sehr individuelle Arbeitsweise einen direkten Einfluss darauf. Daher wurde auch als besonders positiv vermerkt, dass mit viel Geduld auf die persönlichen Fragen eingegangen wurde.
Das einzige Manko am Format ist die Kürze. Der Bedarf an individueller Unterstützung in der Häuslichkeit ist, vor allem, wenn die Mobilität der Teilnehmer:innen schon eingeschränkt ist, sehr groß.

Evaluationsunterlagen

Erstellt von
Stand: 7. April 2024

 

Besuche in der Häuslichkeit oder in betreuten Einrichtungen durch unsere Dozent:innen

Persönliches Fazit

In der Häuslichkeit zu unterrichten, ist eine besondere Erfahrung. Die Charaktere und Interessen der Teilnehmer:innen unterscheiden sich stark und damit auch die Vermittlung und Inhalte der Besuche. Aber letztendlich sind wie auch im Unterricht Geduld, verständliche Erklärungen und empathisches Eingehen auf die Fragen und Probleme entscheidend für den Erfolg des Besuchs. Als Dozent:in ist es eine Aufgabe, den Überblick über das Erlernte und Geübte zu behalten, da hier nicht wie in einem Kurs ein Curriculum vorgegeben ist. Das bietet große Chancen für die jeweiligen Teilnehmenden, einen großen Zuwachs an Fähigkeiten zu erlangen, an genau den Stellen, die für sie wichtig und relevant sind.
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